Der Gusseisenmann

Von 2006-2010 erschien das Wolkenkratzer-Online-Magazin ‘Paternoster’. Als ‘Best-of ‘ veröffentlichen wir daraus in loser Folge Beiträge. Als retrospektivische Betrachtung. Als Wiederentdeckung. Als Ermunterung zur Wiederbelebung…

Gusseisenmann
image-1678

Tipp-Kick Stars können nur schmunzeln über die vermeintlich großartigen Torbilanzen von Gerd Müller oder Pelé. Einer wie Johnny hat in seiner Karriere schon mehr als 5.000 Tore erzielt. Im Paternoster erzählt er aber auch von den Schattenseiten seines Erfolgs. Mein Name ist Johnny. Ich will an dieser Stelle die wahre Geschichte meiner großen Karriere als Tipp-Kick-Spieler erzählen. Schonungslos, ohne ein Blatt vor meinen kleinen, seit vielen Jahren wegen des ständigen Kontakts mit verschwitzten Fingern nur noch zu erahnenden Mund zu nehmen. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich möchte nun davon berichten, wie eine kleine Tipp-Kick-Figur wie ich, ein unschuldiges Spielzeug, zu einer Marionette im gro-ßen Turnierzirkus werden konnte, zu einem austauschbaren, jederzeit ersetzbaren Geschöpf, das dem Willen seines Besitzers ausgeliefert ist und körperliche Veränderungen über sich ergehen lassen muss, im Vergleich zu denen die Folgen von Hormondoping bei Athleten in anderen Sportarten Lappalien sind.

Aber der Reihe nach: Vor vermutlich 21 Jahren wurde ich aus einer Gussmaschine in mein Dasein geworfen, so genau hat mir das aber später keiner sagen können. Mein heutiger Besitzer hat mich jedenfalls 1988 erworben, als ich noch sehr jung und unbedarft war. Damals wollte ich einfach nur spielen. Ich konnte schon immer nur mein rechtes Bein bewegen, das linke ist fest verwurzelt in einer Eisenplatte, meine Arme sind mir an den Oberkörper geschweißt, mein melancholischer Blick ist stets geradeaus gerichtet, da mein Hals steif wie ein Klumpen Blei ist. Durch meinen Kopf ragt seit dem ersten Lebenstag eine Stange, die durch meinen Körper hindurch bis zum rechten Bein ragt. Dieses Bein kann nur durch Druck auf die Stange bewegt werden, ich selbst habe keine Verfügungsgewalt über meine Füße. Ich tauge also nur zu einer Art Marionette in den Händen anderer.

Eigentlich sollten diese Hände Kinderhände sein, mein Platz wäre dann auf einem kleinen Küchentisch, wo ich tagtäglich Bundesligaspielzeiten oder gar Europa- und Weltmeisterschaften nachspielen würde. Mein Schicksal hat mich aber ins Turniergeschehen geführt, bei dem ich mit ein paar Tausend meiner Artgenossen – Artgenossinnen gibt es aufgrund der antiemanzipatorischen Produktionszustände in der Herstellerfirma Mieg leider wohl erst im Vorfeld der Frauenfußballweltmeisterschaft 2011 – um Turniersiege wetteifere. Ich habe dabei schon ganz gute Resultate im Dienste meines Herrn erzielt. 2002 sind wir einmal mit seinen Mannschaftskameraden von Vitesse Mayence Mainz in die Bundesliga aufgestiegen. Zweimal waren wir zudem kurz davor, deutscher Einzelmeister zu werden.

Bis zu 200 Teamchefs, wie mein Herr und Gebieter, fahren zu diesem weltweit bedeutendsten Turnier, all diese Teilnehmer haben vier meiner Artgenossen im Gepäck, von denen jeder seine besonderen Stärken hat, und einen Torwart, der aber nur bedingt mit uns Feldspielern verwandt ist – er ist nämlich aus Plastik. Deshalb fällt es mir auch leicht, unserem Torwart die Schuld in die Schuhe zu schieben, dass wir beide Endspiele bei deutschen Meisterschaften knapp verloren haben. Er hat einfach jeweils zu viele Dinger kassiert. Mein Herr und Meister hat das übrigens nicht so detailliert analysiert: In seinen Augen waren wir alle, der Torwart, meine drei gusseisernen Kameraden und ich schuld, nur er nicht, der Chefstratege – das ist bei uns genauso wie im Fußball.

Immerhin hat auch mein Herr und Meister einige Verdienste vorzuweisen: Er hat schließlich lange genug an mir herumoperiert, bevor ich ein Top-Spieler wurde. Zunächst hatte er mir, sofort nachdem er mich im Spielwarenladen für 7,95 Mark gekauft hatte, unter größten Schmerzen und ohne Betäubung mein rechtes Bein amputiert. Dann feilte er stundenlang an meinem Hüftgelenk herum, anschließend setzte er mir ein neues Bein aus Edelstahl samt zwei Unterlegscheiben ein. Bis heute hat er sich nicht die Mühe gemacht, das Bein mal in Hautfarbe anzumalen, damit ich meinen Mangel wenigstens etwas kaschieren kann! Wenn ich mal wieder ein Tor schieße, sind diese Qualen vergessen.Ich bekomme auch nach zwei Jahrzehnten immer wieder einen Bleisäureschub, wenn mir ein solcher Volltreffer gelingt. Dabei habe ich in meiner Karriere schon mehr als 5.000 Tore geschossen – fünfmal so viele wie Gerd Müller oder Pelé! Neidisch, dass die beiden mit ihren jämmerlichen Erfolgsbilanzen mehr Aufmerksamkeit erregen, bin ich nicht. Dafür bin ich mittlerweile viel zu abgebrüht. Ich zeige eh keine Regung mehr nach alldem, was mir in meinem Leben ohne freien Willen widerfahren ist. Stattdessen glänze ich mit meinem metallenen Pokerface.

Text: Daniel Meuren, FAZ Sport | Fotografie: René Spalek

 

Respond to Der Gusseisenmann

Leave a reply

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.