Vorm Bembel sind alle gleich

Von 2006-2010 erschien das Wolkenkratzer-Online-Magazin ‘Paternoster’. Als ‘Best-of ‘ veröffentlichen wir daraus in loser Folge Beiträge. Als retrospektivische Betrachtung. Als Wiederentdeckung. Als Ermunterung zur Wiederbelebung…

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Ralf Kalisch, Besitzer und Wirt des „Apfelwein Dax“, über klassenübergreifende Begegnungen in seinem Lokal.

Geht man zum Italiener, ins Steakhaus oder in eine Frankfurter Szene-Bar, stellt man schnell fest, dass alle zumindest eine Gemeinsamkeit haben – ihr homogenes Publikum. Sogar die dort angesagte Kleidung ist meist uniform. In einem Apfelweinlokal wie dem „Apfelwein Dax“ sind viele Dinge grundlegend anders. Hier mischen sich nicht nur die Generationen – mit Gästen zwischen 16 und 80 Jahren –, sondern auch verschiedenste soziale Schichten und Bildungsstandards.

Vom „Blaumann“ bis zum „Dunkelblauen“, von Hartz IV-Empfängern bis zum Superreichen, von wichtig bis bescheiden – alle sitzen auf der gleichen Bank und reden miteinander. Nicht immer und nicht alle. Aber oft und die meisten. Zuweilen muss manchen Menschen ihre privilegierte Situation erst mit Nachdruck bewusst gemacht werden, bevor soziale Gräben überwunden werden können und man gemeinsam das Glas erhebt.


 


So jedenfalls tat es eines Tages Robert, pensionierter Kehrmaschinen-Fahrer mit Frankfurter Schlappmaul und dem Herz auf dem rechten Fleck, der am Dax-Stammtisch sitzt: Er hat bereits, was für ihn nicht weiter ungewöhnlich ist, einige Gläser des guten „Stöffchens“ genossen. Am Nachbartisch sitzt ein Ärztestammtisch, mit vier Herren um die Mitte vierzig, die alle in höchstem Maße über ihre Probleme lamentieren: Man hat Schwierigkeiten mit der Immobilie im Osten, die neue S-Klasse lässt auf sich warten, dann noch der Ärger mit der Steuer, dazu nervende Patienten und dämliche Sprechstundenhilfen und – nicht zuletzt – der schwindende Gewinn durch die Gesundheitsreform. Am Nachbartisch steht Robert auf und schickt sich an, Richtung WC zu marschieren. Dabei macht er kurz halt, beugt sich über den Ärztetisch und spricht mit recht schwerer Zunge: „Bube! …Hätt’ ihr was Anständisches gelernt, könnt’ ihr heut’ e Kehrmaschin’ fahrn!“ Unter den Medizinern tritt betretenes Schweigen ein. Robert setzt sich zu ihnen und erzählt, wie er mit seiner Rente zurande kommt. Dass er sich jetzt nur noch 8 statt zuvor 10 Äppler täglich leisten kann. „Des sinn Probleme!“ Die schwerwiegenden Angelegenheiten der Ärzte relativieren sich zumindest für kurze Zeit.

Man trinkt zusammen und geht schließlich freundschaftlich auseinander. Nicht nur soziale Gräben werden beim Äppler überwunden. Manchmal werden auch Wissenslücken erfolgreich geschlossen. So kann der eine schon mal von der Ahnung des anderen profitieren: Ein „Master of Business Administration“, der zwischen zwei Terminen immer wieder gerne bei einem Glas guten Stöffchens zur Ruhe kommt, findet sich eines Tages zwischen zwei Stammgästen einfacheren Schlages an meinem Tresen wieder. Man kommt ins Gespräch. Und die beiden haben so einiges auf dem Herzen: Der eine hat Streit mit seinem Sohn wegen vorgezogener Erbansprüche; der andere hat Ärger mit seiner privaten Altersvorsorge – und beide haben keinen blassen Schimmer von der rechtlichen Materie. Da lässt sich der Herr mit dem „MBA“-Titel nicht weiter feiern und beginnt rechts wie links Ratschläge zu verteilen. Schließlich schnappt er sich einen Bierdeckel, hält Stichpunkte fest und schreibt Telefonnummern und Adressen auf, an die sich die beiden zwecks Information und Hilfe wenden können. Als er anschließend auch noch ihre überzogenen Befürchtungen zerstreut, kann er sich nur noch mühevoll der zahlreichen Dankesgetränke beider Herren erwehren. Erleuchtet und beruhigt ziehen die einen, lächelnd der andere von dannen.

Auch sprachliche Knoten zwischen Gästen aus unterschiedlichen Ländern haben sich beim Apfelwein schon schnell und unverkrampft lösen lassen: Ein junger spanischer Tourist beispielsweise, der mein Lokal aufsucht, findet abends nur noch an einem einzigen Tisch Platz. An diesem Tisch sitzen bereits zwei ältere Ehepaare mit einer erwachsenen Tochter. Leider spricht der junge Mann nur Englisch. Weil ich gerade zu viel zu tun habe, kann ich ihm bei der Auswahl aus der Speisenkarte nicht gleich helfen und vertröste ihn auf später. Doch als ich endlich die Zeit finde, hat sich die Sache bereits erledigt: „Mir komme schon zurescht mit unserm Torero!“, ertönt es am Tisch. Ein ultra-kosmopolitisches Gemisch aus Hessisch, Spanisch und Englisch bringt ein Jägerschnitzel hervor, selbstredend mit Patatas Fritas. Zwei Stunden später entschweben, mit leichtfüssigem Flamenco-Schritt, ein glückseliger Iberer und fünf sich sehr international fühlende Sachsenhausener meinem Lokal.

Wer sich allerdings allzu blöd anstellt, wird auch schon mal zurecht gewiesen – immer freundschaftlich natürlich: Es ist Mittagstisch. An meinem Tresen tagt bereits wie immer die allgemeine Runde an Stammgästen. Ein Werber aus der Abteilung „Lunch Time“ gesellt sich dazu. Er fragt, ob jemand aus der Runde ein paar Brocken Dänisch spricht. Da er am Nachmittag ein wichtiges Telefonat mit Kopenhagen habe, würde er gerne mit ein paar dänischen Floskeln glänzen. Arno, ein Rentner mit gesegnetem Mutterwitz, weiß sofort guten Rat: „Ei, da rufste ma des Internet an – die sage dir des! Un außerdem – schwer kann des net sei. Isch war vor dreißisch Jahrn mal in Dänemark, da babbele schon die klaane Kinner Dänisch.”

Diese vier Anekdoten aus dem Äppler-Alltag belegen besser als jede wissenschaftliche Untersuchung die Einzigartigkeit dieses Gastronomiezweiges. Und so möchte ich frei nach William Shakespeare schließen:

Erhalte uns Gott so – es ist ein Ziel auf’s Innigste zu wünschen.

Text: Ralf Kalisch | Fotos, Layout: Michael Leidenheimer

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