WARUM MÄNNER KÜCHENGERÄTE KAUFEN…

und Frauen sie nicht benutzen.

Salatschleuder
image-1807
Eine Geschichte, wie sie in fast jedem Haushalt vorkommt: Der Mann kauft ein Küchengerät. Eine, die laut Werbung gerade mal wieder den Markt revolutioniert. Seine Gattin stellt sie nur eben in den Schrank, denn sie braucht Platz für den Kartoffelsalat. Alle sind glücklich. Der Kartoffelsalat schmeckt. Das Gerät steht nun original verpackt rund drei Jahrzehnte im Schrank, wird im Zuge eines lange fälligen Frühlingsputzes entdeckt und sorgt nun für großes Erstaunen. Ein kulturübergreifendes Dilemma – doch wer hat Schuld? Der Mann, der lieber unnützes Zeug heran trägt, statt selber die Ärmel hochzukrempeln? Oder die Frau, die sich in ihrer Irrationalität hartnäckig dem technischen Fortschritt verweigert? Oder beide, weil sie nicht genügend miteinander kommunizieren?

Männer in Ekstase

Betrachten wir unstrittige Lehrsätze, um uns dem Phänomen zu nähern: Männer lieben Technik. Unabhängig von Alter und Herkunft zieht sich eine Spur ungebremster Leidenschaft für jene Materie durch das Leben eines jeden Mannes. Sorgt etwa die schwenkbare Heckleiter des Feuerwehrautos für den ersten großen Sturm der Gefühle, so begegnet derselbe Mann vierzig Jahre später dem schwenkbaren Filtereinsatz seiner Espressomaschine nicht minder ekstatisch.

Doch mehr noch: Geht es um technische Daten eines lieb gewonnenen Produktes, legen Männer Gedächtnisleistungen an den Tag, die selbst wissenschaftlich nicht nachvollziehbar sind: Maximal-Drehzahlen, Anzahl der Rührstufen – all diese Zahlen sind, einmal erfasst, ganz selbstverständlich in Zehntelsekunden abrufbereit. Aber nur auf diesem Fachgebiet. Denn auf einer globalen Skala männlichen Erinnerungsvermögens stehen sich beispielsweise das Geburtsdatum der Schwiegermutter und die Produktvorteile des „Krupps Maxi 250“ diametral gegenüber. Die vorteilhafte und unkomplizierte Handhabung der Küchenmaschine – sie schaltet sich im Vergleich zur Schwiegermutter selbsttätig ab – ist dabei nur eine mögliche Erklärung des Phänomens.

Unbewusst genial

Kohlreibe
image-1808
Dem Mann selbst ist die selektive Leistungsbereitschaft seines Hirnes allerdings weder bewusst noch kann er sie beliebig nutzen. Dieser naturgegebene Mechanismus schützt ihn vor Vereinsamung: Eine Offenbarung seiner außerordentlichen Gedächtnisleistungen gegenüber dem weiblichen Geschlecht würde seine historisch gewachsene Rolle mit all ihren liebenswürdigen Schwächen auf einen Schlag zerstören und neue, praktisch unerfüllbare Ansprüche an ihn stellen.

Doch warum kaufen Männer ausgerechnet Küchengeräte? Ganz einfach: In diesem Genre hofft der Mann insgeheim auf die Komplizenschaft der Frau, deren Domäne bis heute das Kochen ist, und die bis heute – auf für den Mann unerklärliche Weise – dem Zauber von Kettensägen und Schwingschleifern widersteht. Die Anschaffung eines Küchengerätes verspricht dem Mann dabei in mehrfacher Hinsicht Befriedigung: Er legitimiert seine Neuanschaffung durch die wohlwollende Absicht, seiner Gattin Arbeit zu ersparen und sichert sich somit ihre Anerkennung – zumindest in seiner Vorstellung. Zugleich stillt er mit dem Kauf seine eigene, ur-männliche Technikbegierde. Betrachtet man allerdings die Unmengen an original verpackten Wirtschaftswunder-Küchenhelfern in den Trödelläden, wird klar, dass die Frage nach der effektiven Nutzung der Geräte seitens der Frau ohne Bedeutung für den Mann ist. Vielmehr gilt: Neuartige Küchengeräte, von Männern gekauft, sind von vornherein zum Schrank-Dasein verdammt. Aber aus welchem Grund?

Herrinnen der Küche

Tomaticus
image-1809

Das ungebrochene Vertrauen der Frau in die eigenen handwerklichen Fertigkeiten, meist überliefert von der Mutter, geht mit einer genuinen, weiblichen Abneigung gegenüber fremder Technik einher. Dinge, die eine Eigendynamik besitzen – schlimmstenfalls gepaart mit phallischer Symbolkraft – sind ihr unheimlich und wecken weibliche Urängste vor Kontrollverlust. Die Frau befürchtet, etwas in Gang zu setzen, dass sie möglicherweise nicht mehr ausschalten kann. Deshalb muss Sie das Reich der Küche und Speisenzubereitung im wahrsten Sinne der Redewendung „in der Hand haben“. Hier zeigt sich der seit Untergang der frühen, matriarchalischen Gesellschaftsformen verdrängte weibliche Wunsch nach Allmacht: Die Frau als Despot, als Herrscher über die Dinge – sogar über den Mann. Ihr versteckter Machtanspruch manifestiert sich in ihrem Verhalten: Indem sie ihren Gatten weiterhin Küchengeräte kaufen lässt, ohne den Sachverhalt zu klären, bewahrt sie seine Illusion von ehelicher Demokratie und häuslicher Einflussnahme.

Sieg auf Zeit

Kuchenbox
image-1810
Doch was, wenn das Gerät da ist? Wegwerfen kommt nicht in Frage, da das Konfliktpotenzial zu hoch wäre. Auch hier hat die Natur eine heilbringende Lösung gefunden: Die Gattin registriert zwar den technischen Neuerwerb; ihr ausgeprägter Verdrängungsmechanismus sorgt aber dafür, dass die Existenz der geistlosen Konkurrenz wieder ausgeblendet wird: Aus den Augen, aus dem Sinn. Nur aus diesem Phänomen erklärt sich ihre aufrichtige Überraschung, wenn das einst erfolgreich verbannte Gerät eines Tages wieder auftaucht. Und natürlich – zu diesem Zeitpunkt ist es bereits hoffnungslos veraltet. Die Frau hat gesiegt.

Zieht man nun Fazit, so muss man zunächst anmerken, dass alle Beteiligten glücklich sind. Das bedeutet: Von einem Dilemma kann, zumindest aus Sicht der Protagonisten, keine Rede sein. Im Gegenteil – die Glücksmomente gründen sich auf dem Nicht-Reden: Der Mann freut sich und kauft lustvoll weiterhin die neuesten Küchenhelfer. Die Frau schneidet, kocht und rührt weiterhin per Hand – und hat alles in der Hand. Die Geräte sammeln sich über die Jahre im Schrank. Die Trödler erfreuen sich regen Warenzulaufs. Und der Kartoffelsalat schmeckt.

Text: Markus Albert | Fotos: Aziz Wakim

Respond to WARUM MÄNNER KÜCHENGERÄTE KAUFEN…

Leave a reply

Basic HTML is allowed. Your email address will not be published.